Ernstgemeintes „Green Steel“ bedeutet für mich:
Alle Produktionsschritte müssen konsequent so gestaltet werden, dass Emissionen maximal reduziert werden. Der schwedische Stahlhersteller Stegra zeigt besonders gut, wie das in der Praxis funktioniert. Wer Zwischenschritte wie Massenbilanz-Modelle (Mass Balance) nutzt, hat zwar ein valides Übergangsinstrument implementiert, ist aber eben erst „auf dem Weg“ und nicht am Ziel. Für Kunden wird deshalb die Frage immer zentraler, welche Umwelteigenschaften tatsächlich hinter einem Produkt stehen und wie diese belegt werden können.
Bildhinweis: Der Stahlhersteller Stegra hat in Schweden das weltweit erste große Werk für nahezu CO2-freien Stahl gebaut. © Stegra
Transparenz schafft Vertrauen
Mit der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Produkten wächst auch der Bedarf an belastbaren Informationen. Schön klingende, aber nichtssagende Marketing-Stempel wie „Grüner Stahl“ bergen eine enorme Greenwashing-Gefahr und reichen heute schlichtweg nicht mehr aus. Stattdessen erwarten Kunden konkrete Daten zur Umweltleistung eines Produkts.
Hier gewinnen Instrumente wie Product Carbon Footprints (PCF) und Environmental Product Declarations (EPD) zunehmend an Bedeutung. Doch Vorsicht: Wenn jemand zu uns kommt und sagt „Wir wollen ein Produkt aus 100 % Schrott“, dann ist das technisch nicht machbar! Man kann nicht jede Stahlgüte aus reinem Schrott herstellen. Hier braucht es profundes Prozesswissen auf Kundenseite statt technokratischer Phrasen.
Wer Nachhaltigkeit wirklich ernst meint, muss alle Karten auf den Tisch legen:
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Welche Daten wurden verwendet?
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Welche Systemgrenzen wurden berücksichtigt?
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Welche Normen und Methoden liegen den Berechnungen zugrunde?
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Welche Annahmen wurden getroffen?
Je nachvollziehbarer und belastbarer diese Informationen sind, desto größer ist das Vertrauen in die angebotenen Produkte.
Die gesamte Wertschöpfungskette muss mitziehen
Dekarbonisierung endet nicht beim Stahlhersteller. Auch Weiterverarbeiter, Komponentenhersteller und Endkunden spielen eine entscheidende Rolle. Was wir in der Praxis jedoch immer wieder beobachten: Je näher man an den Endkunden rückt, desto mehr wird bei den CO₂-Daten frisiert. Da werden falsche Datenbankwerte genommen, weil es für das eigene Produkt besser aussieht - eine stumme Form des Greenwashings, die manche Auditoren einfach so stehen lassen.
Bildhinweis: Grüne Wertschöpfungskette - Dekarbonisierung geht nur gemeinsam © Welser Profile
Dem müssen wir entschieden entgegentreten. Bei Welser Profile erwarten wir von unseren Lieferanten, dass Emissionswerte direkt und verifiziert an uns übertragen werden. Transparenz und die automatisierte Verarbeitung von CO₂-Daten müssen zu einem integralen Bestandteil moderner Serviceleistungen werden.
Gleichzeitig verschläft unsere Branche die Kommunikation zum Endverbraucher: Bei der AUA kann ich beispielsweise ganz einfach ein emissionsreduziertes Flugticket buchen. Beim Autokauf hingegen bekomme ich auf Wunsch zwar vegane Ledersitze, ein Glasdach und KI-gesteuertes Radio, aber die Option „emissionsfreies Fahrzeug“ ist auf der Aufpreisliste nicht auffindbar. Wir müssen den Endkunden gegenüber endlich transparent machen, was grüne Materialien kosten und warum sie diesen Wert haben. Nur so bekommen Begriffe wie “Green Steel” eine messbare Bedeutung und somit ihre Glaubwürdigkeit auch am Markt.
Politik in der Pflicht: Klare Verhältnisse schaffen
Die Umstellung auf CO₂-arme Produktionsverfahren erfordert erhebliche Investitionen in Technologien, Infrastruktur und erneuerbare Energien. In Europa stehen wir dabei vor allem vor einem Akzeptanz- und Planungsproblem: Wenn sich alle vier bis fünf Jahre die politische Fahne um 180 Grad dreht, entsteht in den Vorstandsetagen eine gefährliche Mentalität des Aussitzens. Wer investiert Milliarden, wenn die Bilanzierungsregeln von morgen noch völlig unklar sind?
Wenn ich der Politik und den Zertifizierungsstellen eine radikale Regel diktieren könnte, dann wäre es diese: Wir brauchen eine klare, verlässliche Linie für die nächsten 10 bis 20 Jahre mit festen Grenzwerten, von denen niemand mehr abweichen darf. Nur so bekommen Unternehmen Planungssicherheit für ihre Investitionen.
Gleichzeitig eröffnet eine ehrliche Transformation enorme Chancen:
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Klimarisiken wirksam reduzieren
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Regulatorischen Vorgaben einen Schritt voraus sein
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Die eigene Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern
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Höhere Transparenz in den gesamten Lieferketten etablieren
Fazit: Vom Marketing-Gag zum Lieferketten-Standard
Green Steel steht für den Wandel hin zu einer klimafreundlicheren Stahlindustrie. Doch nachhaltige Produkte allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, wie ihre Umweltwirkungen kommuniziert werden.
Vertrauen entsteht nicht durch schöne Werbeslogans, sondern durch lückenlose Transparenz, verifizierte Daten und die Bereitschaft, Berechnungsmethoden sowie technische Grenzen offen darzulegen. Instrumente wie Product Carbon Footprints und verifizierte EPDs müssen vom substanzlosen Werbeversprechen zu einem automatisierten Standard in der Lieferkette werden.
Wer heute noch Green Steel ohne lückenlose, belastbare Daten verkauft und sich auf billiges Greenwashing verlässt, wird in den nächsten Jahren an den steigenden regulatorischen Hürden, kritischen Kundenfragen und massiven Reputationsrisiken gnadenlos scheitern.



