Schluss mit Greenwashing: Green Steel braucht echte Daten statt Werbeslogans

    5 Minuten
    Nov. 1, 2026

    Das Wichtigste in Kürze:

    Der Begriff „Green Steel“ verkommt ohne einheitliche Standards zum Werbeslogan. Glaubwürdige Dekarbonisierung erfordert nicht nur physische Produktionsanpassungen (wie DRI mit grünem Wasserstoff), sondern vor allem eine ehrliche, datenbasierte Kommunikation (PCF/EPD) über die gesamte Lieferkette – unterstützt durch verlässliche politische Rahmenbedingungen und einen verpflichtenden CO₂-Pass.

    Warum Green Steel Daten so wichtig sind

    Die europäische Stahlindustrie befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Nachhaltigkeit ist längst kein Randthema mehr. Kunden, Investoren, Gesetzgeber und die Gesellschaft erwarten zunehmend konkrete Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen.

    Mit innovativen Produktionsverfahren, dem Einsatz erneuerbarer Energien und einer stärkeren Kreislaufwirtschaft entwickelt sich der Stahlsektor kontinuierlich weiter. Doch während die technischen Entwicklungen rasch voranschreiten, wird ein weiterer Faktor immer wichtiger: die klare Kommunikation rund um Green Steel. Denn "Greenwashing" liegt direkt auf der anderen Seite des Messers Schneide auf der Lauer und wartet nur darauf, dort Schaden anzurichten, wo Experten und Organisationen eigentlich etwas Gutes im Sinn hatten.

    Greenwashing Definition_Grafik_Welser_Profile

    Was bedeutet Green Steel überhaupt?

    Der Begriff „Green Steel“ wird heute gerne und übereilt für fast alles verwendet, was irgendwie nach weniger Emissionen klingen soll, ist jedoch nirgendwo einheitlich definiert. Man kauft ein wenig grünen Strom ein: zack, „Green Steel“. Man setzt etwas Wasserstoff oder EAF-Technologie ein: zack, „Green Steel“. Wenn aber alles als grün deklariert wird, öffnet das dem Greenwashing Tür und Tor. Es stellt sich die berechtigte Frage: Was ist am Ende des Tages überhaupt noch glaubwürdig? Und wie schaffen wir es, für grünen Stahl einen nachhaltigen Markt zu schaffen, wenn wir bereits in diesen frühen Stunden der Transformation unserer Branche die eigene Glaubwürdigkeit riskieren?

    Also noch einmal mit der notwendigen Ernsthaftigkeit: Was bedeutet Green Steel? Grundsätzlich beschreibt der Begriff Stahlprodukte, deren Herstellung im Vergleich zu konventionellen Verfahren nennenswert geringere CO₂-Emissionen verursacht. Dabei kommen unterschiedliche Ansätze zum Einsatz:

    Ernstgemeintes „Green Steel“ bedeutet für mich:

    Alle Produktionsschritte müssen konsequent so gestaltet werden, dass Emissionen maximal reduziert werden. Der schwedische Stahlhersteller Stegra zeigt besonders gut, wie das in der Praxis funktioniert. Wer Zwischenschritte wie Massenbilanz-Modelle (Mass Balance) nutzt, hat zwar ein valides Übergangsinstrument implementiert, ist aber eben erst „auf dem Weg“ und nicht am Ziel. Für Kunden wird deshalb die Frage immer zentraler, welche Umwelteigenschaften tatsächlich hinter einem Produkt stehen und wie diese belegt werden können.

    Computergerenderte Außenansicht des Stegra-Industriekomplexes. Eine silberne Halle links mit großem Logo und LKWs, rechts ein markanter roter Produktionsturm. Im Vordergrund Wiese und eine Asphaltfläche.Bildhinweis: Der Stahlhersteller Stegra hat in Schweden das weltweit erste große Werk für nahezu CO2-freien Stahl gebaut.    © Stegra

    Transparenz schafft Vertrauen

    Mit der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Produkten wächst auch der Bedarf an belastbaren Informationen. Schön klingende, aber nichtssagende Marketing-Stempel wie „Grüner Stahl“ bergen eine enorme Greenwashing-Gefahr und reichen heute schlichtweg nicht mehr aus. Stattdessen erwarten Kunden konkrete Daten zur Umweltleistung eines Produkts.

    Hier gewinnen Instrumente wie Product Carbon Footprints (PCF) und Environmental Product Declarations (EPD) zunehmend an Bedeutung. Doch Vorsicht: Wenn jemand zu uns kommt und sagt „Wir wollen ein Produkt aus 100 % Schrott“, dann ist das technisch nicht machbar! Man kann nicht jede Stahlgüte aus reinem Schrott herstellen. Hier braucht es profundes Prozesswissen auf Kundenseite statt technokratischer Phrasen.

    Wer Nachhaltigkeit wirklich ernst meint, muss alle Karten auf den Tisch legen:

    • Welche Daten wurden verwendet?

    • Welche Systemgrenzen wurden berücksichtigt?

    • Welche Normen und Methoden liegen den Berechnungen zugrunde?

    • Welche Annahmen wurden getroffen?

    Je nachvollziehbarer und belastbarer diese Informationen sind, desto größer ist das Vertrauen in die angebotenen Produkte.

    Die gesamte Wertschöpfungskette muss mitziehen

    Dekarbonisierung endet nicht beim Stahlhersteller. Auch Weiterverarbeiter, Komponentenhersteller und Endkunden spielen eine entscheidende Rolle. Was wir in der Praxis jedoch immer wieder beobachten: Je näher man an den Endkunden rückt, desto mehr wird bei den CO₂-Daten frisiert. Da werden falsche Datenbankwerte genommen, weil es für das eigene Produkt besser aussieht - eine stumme Form des Greenwashings, die manche Auditoren einfach so stehen lassen.

    Ablaufdiagramm der Stahl-Lieferkette mit den Stationen Stahlhersteller, Weiterverarbeiter, Komponentenhersteller, Endkunden und Recycling.Bildhinweis: Grüne Wertschöpfungskette - Dekarbonisierung geht nur gemeinsam    © Welser Profile

    Dem müssen wir entschieden entgegentreten. Bei Welser Profile erwarten wir von unseren Lieferanten, dass Emissionswerte direkt und verifiziert an uns übertragen werden. Transparenz und die automatisierte Verarbeitung von CO₂-Daten müssen zu einem integralen Bestandteil moderner Serviceleistungen werden.

    Gleichzeitig verschläft unsere Branche die Kommunikation zum Endverbraucher: Bei der AUA kann ich beispielsweise ganz einfach ein emissionsreduziertes Flugticket buchen. Beim Autokauf hingegen bekomme ich auf Wunsch zwar vegane Ledersitze, ein Glasdach und KI-gesteuertes Radio, aber die Option „emissionsfreies Fahrzeug“ ist auf der Aufpreisliste nicht auffindbar. Wir müssen den Endkunden gegenüber endlich transparent machen, was grüne Materialien kosten und warum sie diesen Wert haben. Nur so bekommen Begriffe wie “Green Steel” eine messbare Bedeutung und somit ihre Glaubwürdigkeit auch am Markt.

    Politik in der Pflicht: Klare Verhältnisse schaffen

    Die Umstellung auf CO₂-arme Produktionsverfahren erfordert erhebliche Investitionen in Technologien, Infrastruktur und erneuerbare Energien. In Europa stehen wir dabei vor allem vor einem Akzeptanz- und Planungsproblem: Wenn sich alle vier bis fünf Jahre die politische Fahne um 180 Grad dreht, entsteht in den Vorstandsetagen eine gefährliche Mentalität des Aussitzens. Wer investiert Milliarden, wenn die Bilanzierungsregeln von morgen noch völlig unklar sind?

    Wenn ich der Politik und den Zertifizierungsstellen eine radikale Regel diktieren könnte, dann wäre es diese: Wir brauchen eine klare, verlässliche Linie für die nächsten 10 bis 20 Jahre mit festen Grenzwerten, von denen niemand mehr abweichen darf. Nur so bekommen Unternehmen Planungssicherheit für ihre Investitionen.

    Gleichzeitig eröffnet eine ehrliche Transformation enorme Chancen:

    • Klimarisiken wirksam reduzieren

    • Regulatorischen Vorgaben einen Schritt voraus sein

    • Die eigene Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern

    • Höhere Transparenz in den gesamten Lieferketten etablieren

    Ich bin überzeugt: In Zukunft muss für jedes gekaufte Produkt ein zertifizierter CO₂-Pass Pflicht sein. Nur so erhält der Konsument eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen.


    Fazit: Vom Marketing-Gag zum Lieferketten-Standard

    Green Steel steht für den Wandel hin zu einer klimafreundlicheren Stahlindustrie. Doch nachhaltige Produkte allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, wie ihre Umweltwirkungen kommuniziert werden.

    Vertrauen entsteht nicht durch schöne Werbeslogans, sondern durch lückenlose Transparenz, verifizierte Daten und die Bereitschaft, Berechnungsmethoden sowie technische Grenzen offen darzulegen. Instrumente wie Product Carbon Footprints und verifizierte EPDs müssen vom substanzlosen Werbeversprechen zu einem automatisierten Standard in der Lieferkette werden.

    Wer heute noch Green Steel ohne lückenlose, belastbare Daten verkauft und sich auf billiges Greenwashing verlässt, wird in den nächsten Jahren an den steigenden regulatorischen Hürden, kritischen Kundenfragen und massiven Reputationsrisiken gnadenlos scheitern.

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    FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Green Steel & Transparenz

    Was ist Green Steel und wie ist der Begriff definiert?

    Green Steel (grüner Stahl) bezeichnet Stahlprodukte, bei deren Herstellung im Vergleich zu konventionellen Verfahren (Hochofenroute) signifikant CO₂-Emissionen eingespart werden. Bisher gibt es jedoch keine einheitliche gesetzliche Definition, weshalb der Begriff stark für Marketingzwecke genutzt wird.

    Wie unterscheidet sich echter Green Steel von Mass-Balance-Ansätzen?
    • Echter Green Steel: Emissionen werden physisch im Produktionsprozess reduziert, beispielsweise durch den Einsatz von grünem Wasserstoff (Direktreduktion/DRI) und Strom aus erneuerbaren Energien.

    • Mass Balance (Massenbilanz): Ein rechnerisches Übergangsinstrument, bei dem grün eingekaufte Rohstoffe bilanziell bestimmten Produkten zugeordnet werden. Es markiert einen Zwischenschritt, aber nicht das finale Ziel der Nullemission.
    Warum reichen Zertifikate beim Stahleinkauf nicht mehr aus?
    Allgemeine Aussagen führen zu Verwirrung in der Lieferkette. Einkäufer und Regulatorik verlangen zunehmend messbare Daten wie den Product Carbon Footprint (PCF) und verifizierte Environmental Product Declarations (EPD). Nur offengelegte Systemgrenzen und Methoden schaffen echte Nachvollziehbarkeit.
    Kann man jede Stahlgüte aus 100 % Schrott herstellen?

    Nein. Aus physikalischen und metallurgischen Gründen lässt sich nicht jede geforderte Stahlgüte rein aus Recyclingschrott im Elektrolichtbogenofen (EAF) erzeugen. Für hochwertige Stahlsorten braucht es weiterhin primäre Rohstoffe, die durch DRI-Verfahren dekarbonisiert werden müssen.

    Was fordert die Industrie von der Politik für eine erfolgreiche Transformation?

    Unternehmen benötigen vor allem langfristige Planungssicherheit für Milliardeninvestitionen. Gefordert werden verlässliche, unabänderliche Rahmenbedingungen und Grenzwertpfade für die nächsten 10 bis 20 Jahre sowie die Einführung eines verpflichtenden, zertifizierten CO₂-Passes für Endprodukte.

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